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Vorwort 3

Einleitung 5

Die Schöp­fung 6

Jesus wird ge­tauft 13

Jesus und die Stimme in der Wüste 20

Das Magnifikat und Jesus‘ Geburt 26

Elia in der Wüste 32

Mose am Dornbusch 35

Jakob ist verliebt 40

Jesus und der Kranke 44

Die Römer 48

Der vierfache Acker 51

Jesus erzählt von Isaaks Opferung 55

Jesus und die Hexe 59

Die Verklärung 65

Sex und Machtmissbrauch 69

Männergespräch 79

Wie ist das mit den Schwulen? 82

Kinder, Kinder 86

Die Aussteiger 91

Das Gleichnis von den Talenten 94

Gott – unser Papa 97

Versuchungen und Träume 100

Drogen 104

Elia am Berg Karmel 110

Jesus und die Ehe 114

Die Ehebrecherin 118

Hiob 121

Das Abendmahl 127

Tod und danach? 130

Die Tempelaktion 133

Magdalena erzählt von Jesus‘ Tod 138

Magdalena sieht den Auferstandenen 140

Die Jünger und die Auferstehung 142

Nachwort 147

Kontakte 149


Unser Vorsitzender Johannes Treblin hat ein Buch geschrieben, auf das wir hier gerne hinweisen. Es heißt „Gottesträume - Biblische Geschichten neu erzählt“ (Preis: 7 € erhältlich beim Verein AukiJu, IBAN DE16 2665 0001 1091 0118). Für Jugendliche und deren Eltern, die oft keinen religiösen Bezug mehr haben, will der Verfasser einen ungewöhnlicher Zugang zur christlichen Bibel ermöglichen. Das wird schon beim Inhaltsverzeichnis deutlich.

 

Besonders interessant sind diese Kapitel:

  •  Jesus wird getauft" (dort wird Jesus bewusst, dass er Gottes Sohn ist), 
  • Jesus und die Stimme in der Wüste" (dort erlebt Jesus, wie die Stimme Gottes und die Stimme des Satans oft ganz ähnlich klingen) und 
  • „Jesus erzählt von Isaaks Opferung" (da geht es um den Dienst beim Militär). 

Diese drei Kapitel könnt Ihr lesen, wenn Ihr nach unten scrollt.

Auszüge aus dem Buch "Gottesträume"

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

warum erzähle ich biblische Geschichten neu? Es gibt doch schon viele Bücher, die das tun! Das stimmt. Ich fand jedoch zunächst keins, das ich guten Gewissens in Schulen, im Konfirmandenunterricht oder bei Gemeindeveranstaltungen einsetzen konnte. Ich kannte keines mit kurzen abgeschlossenen Ge­schichten, die neuere naturwissenschaftliche und theologische Erkenntnisse ernst nehmen und Religion, So­zialgeschichte und Tiefenpsychologie verbinden. Außer­dem sollten die Geschichten verständlich sein und aktuelle Bezüge haben. So habe ich neue Geschichten ge­schrieben, die Jesus mit seinen Patenkindern Ruben und Ruth erlebt oder die er ihnen erzählt. Diese Kinder bzw. Jugendlichen habe ich erfunden, damit Jesus Gesprächspartner hat, die wissbegierig sind, interessiert und auf gute Weise respektlos.

Die Idee ist nicht neu. Jörg Zink hat in seiner Kinderbibel „Der Morgen weiß mehr als der Abend“ ebenfalls eine Rahmengeschichte erfunden – dadurch konnte Zink wichtige theologische Gedanken und Deu­tungen in die biblischen Erzählungen einfügen. Ich habe einen neuen Versuch gestartet, der stär­ker an Fragen von Jugendlichen und Erwachsenen orien­tiert ist. Durch die Leiterin unserer kirchlichen Bibliothek Gundula Freymuth-Gerdes lernte ich 2015 die Familienbibel „König auf einem Esel“ von Nico ter Linden kennen, die genau diesen Anspruch hat, den ich mir wünsche. Leider ist sie vergriffen, das Lutherische Verlagshaus hat sie aus dem Programm genommen, sie ist nur noch antiquarisch zu bekommen.

Ich danke meiner Frau Almut Luiking sowie Sandra Schulte, Thomas Beermann, Angelika Stieber-Schmidt, Cristy Orzechowski und besonders Prof. Dr. Hans Jochim Schmidt für Anregungen und Korrekturen. Ohne ihre Mitarbeit wäre dieses Buch nicht entstanden. Ich danke den Jugendlichen Christina, Dennis, Marc, Nina, Pascal und Steffi aus Haren (Ems) sowie den Konfirmanden aus Papenburg und Surwold, die mit mir viele Texte gelesen und bespro­chen haben. Auch das vielfältige positive Echo – etwa aus dem Altenclub der Erlöserkirche Papen­burg, dem Seniorennachmittag Börgermoor und von russlanddeutschen erwachsenen Tauf- und Konfirmationsbewerbern hat mich motiviert, weiter zu schreiben.

Johannes Treblin, 24.April 2016

 

Aus aktuellem Anlass (Wehrpflicht) gibt es 2026 ein Zusatzkapitel: „Jesus erzählt von Isaaks Opferung“.

 

Einleitung

Jesus lebte vor ungefähr 2000 Jahren als lediger Zimmer­mann in Nazareth, ei­nem Dorf im Norden Israels, und sorgte dort für seine Mutter Maria. In Nazareth lebte auch Jakobus, ein Bruder¹ von Jesus, mit seiner Frau Hul­da und ihren beiden Kindern Ruben und Ruth. Jesus er­zählte schon immer gern Geschichten, und abends ka­men Ruben und Ruth oft zu ihm, um ihm Fragen zu stel­len, mit ihm zu reden oder zu spielen. Manchmal ging Jesus auch hin­über zu Jako­bus und seiner Familie. Die Kinder nannten Jesus schon von klein auf „dodi Jesus“. „Dodi“ ist das he­bräische Wort für „mein Onkel“. 

Anmerkung:

¹ Vergleiche in der Bibel Markus 6,3: „Ist der nicht der Zimmermann, Marias Sohn und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns?“ - „Ob es sich bei Jakobus und den ande­ren in Mark. 6,3 Genann­ten um leibliche Geschwister oder nahe Ver­wandte von Jesus von Nazareth handelte, ist innerhalb der christlichen Konfessionen strittig und wird je nach Konfession exegetisch unterschied­lich ausge­legt.

 

Die orthodoxen und katholischen Kirchen halten bis heute daran fest, dass Maria Zeit ihres Lebens Jungfrau blieb, die Geschwister Jesu sind für sie also Kinder von Josef aus erster Ehe oder Kinder von Verwand­ten von Maria. Die katholische Kirche hat seit dem 19. Jahr­hundert be­sondere Dogmen zur immerwährenden Jung­fräulichkeit Ma­rias. – Wäh­rend die Reformatoren noch weitgehend der traditionellen Positi­on folgten, sehen heute viele evangelische Theologen die Ge­schwister Jesu als Kinder von Josef und Maria an. Das Thema hat in der pro-testantischen Theologie jedoch kaum Bedeutung.“ (Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Geschwister_Jesu). 

 

Jesus wird getauft

Jesus hatte seinen 30. Geburtstag gefeiert, Ruth und Ru­ben hatten ihm gratu­liert und Geschenke gebastelt. „Ich bin nun kein junger Mann mehr“, sagte Je­sus. Jesus war Zimmermann wie sein Vater Josef. Der war vor mehreren Jah­ren gestorben. Auch viele Freunde waren schon tot. Jede Krankheit konnte töd­lich sein. „Es ist tatsächlich et­was Besonderes, wenn man 30 Jahre alt wird“, sagte Je­sus. – „Wie fühlt man sich denn so mit 30 Jahren?“, fragte Jako­bus, sein Bruder. „Naja, einigermaßen“, sagte Jesus. Jesus war innerlich unzufrieden. Sein Beruf füllte ihn nicht mehr aus. Er hatte das Gefühl: „Das kann doch nicht alles gewe­sen sein im Leben! Irgendwie finde ich das Leben eintö­nig, jeden Tag das Gleiche: arbeiten, hinter dem Geld her jagen, essen, schlafen.“ – Jakobus sag­te: „Es gibt aber doch ab und zu et­was Neues: Am Fluss, am Rande der Wüste, pre­digt ein neuer Prophet. Er heißt Johannes. Dieser Johan­nes sagt: ‚Wenn wir unser Le­ben ändern, dann kommt der Retter unseres Volkes, auf den wir schon so lange warten!’ Er sagt: ‚Lasst euch taufen, zum Zeichen, dass Ihr ein neues Le­ben anfangen wollt.’11

Das hört sich interessant an“, sagte Jesus. „Wenn ich mein Leben ändern könnte, noch mal neu anfangen..., das wäre was! Aber ob das wirklich geht? Egal, ich werde mal zu Johannes an den Jordan gehen!“

Dürfen wir auch mit?“, fragten Ruben und Ruth. – „Na klar“, sagte Jesus. Auch Jakobus nickte zustimmend. Je­sus nahm einen großen Wasserkrug mit und die Kinder ihre Wasserschläuche, damit alle unterwegs trinken konnten.

Dann gingen sie los. Nach ein paar Stunden kamen sie am Jordan an. Sie sa­hen, wie eine große Menschenmen­ge darauf wartete, im Fluss getauft zu wer­den. Jesus und die Kinder stellten sich einfach dazu und allmählich ka­men sie immer dichter an den Täufer heran.

Wieso lassen die sich denn mit dem Kopf so lange unter Wasser drücken?“, fragte Ruben. „Das ist doch gefährlich!“

Ja, es soll wohl auch ein bisschen gefährlich sein!“, sagte Jesus. „Man soll spüren, dass man keine Luft mehr kriegt unter Wasser. Man soll spüren, dass man sterben könnte.“

Wieso das denn?“, fragte Ruth. 

Wenn man so jung ist wie du, Ruben, mit deinen 13 Jah­ren, oder du, Ruth, mit elf Jahren, dann denkt man nicht oft an den Tod. Aber ich denke da häufiger dran. Und wenn man daran denkt, dass man sterben könnte, dann wird das Le­ben auf einmal wichtiger“, sagte Jesus.

Klar“, nickte Ruben, „das ist genauso wie mit der Luft: Wenn ich keine Luft kriege, dann wird die Luft immer wichtiger. Daran denkt man sonst gar nicht.“ – Jesus stimmte zu: „Wenn ich so an den Tod denke, dann spüre ich, ich müsste etwas aus meinem Leben machen. Dazu muss ich herausfinden, was Gott für mich vorgesehen hat!“

Alle drei dachten eine Weile nach. Dann sagte Jesus: „Wenn man unter Was­ser ist, dann kann man sich vorstell­en, dass man schon in der Erde ist, wie im Grab.“

Ruth meinte: „Im Wasser ist es auch kühl – und dunkel – wie in einem Grab.“

Jesus sagte: „Ich kann mir dabei vorstellen, dass mein al­tes Leben stirbt. Das, was bisher falsch war, womit ich nicht zufrieden war oder das, was ich ändern müsste.“

Ruben und Ruth nickten. Jesus fuhr fort: „Also: das alte Leben stirbt, und dann steht man wieder auf. Du erblickst das Licht der Welt neu. Du kannst ein neuer Mensch wer­den, weil der alte Mensch gestorben ist. Du kannst dann sozusa­gen neu geboren werden.“

Dafür ist die Taufe also ein Zeichen“, sagte Ruben. „Mein bisheriges Leben stirbt, mein altes Leben, mein falsches Leben, und ich kann ein neues, ein rich­tiges Leben anfan­gen, wie Gott es will.“12 – Jesus nickte. – „Aha“, sagte Ru­ben. „Das ist wie eine zwei­te Geburt. Du fängst das Leben noch mal neu an.“

Ruth fiel noch etwas ein: „Vor der Geburt lebt das Kind im Bauch der Mama im Wasser. Und dann kommt die Ge­burt, und das Baby kommt aus dem Bauch der Mutter auf die Welt. Vielleicht soll man deshalb bei dieser zwei­ten Geburt ins Wasser gehen und sich untertauchen las­sen.“

Jesus nickte: „Wir tauchen bei der Taufe ein in das Frucht­wasser der Erde. So wird mir deutlich: Die Erde ist unsere Mutter und Gott ist unser Vater. Dann tau­chen wir auf aus dem Wasser und sind neu geboren. Und dann leben wir neu – so wie unser Vater Gott und unsere Mutter Erde das wollen.“

Ruben fiel noch etwas ein. „Die Römer haben ein Wort für die Stoffe der Erde: es heißt ‚materia‘, das klingt so ähnlich wie ihr Wort ‚mater‘, Mutter. Viel­leicht meint das, die Erde ist unsere Mutter.“

Jesus freute sich, dass die Kinder sich so für die Taufe in­teressierten. „Ihr habt Recht mit der Erde“, sagte Jesus. „So ähnlich meinen das wohl auch unsere Vorväter, wenn sie sagen, wir sind von der Erde genommen und werden wieder zu Erde. Und jetzt will ich mich taufen lassen.“

Jesus ging langsam zu Johannes. Jesus sah Johannes di­rekt ins Gesicht. „Oh“, sagte Johannes, „du siehst mich so stark und frei an, du brauchst dich nicht taufen lassen. Du scheinst schon das richtige Leben gefunden zu haben. Viel­leicht sollte ich mich besser von dir taufen lassen.“

Ja“, sagte Jesus, „ich weiß, dass ich jetzt ein neues Leben anfangen will, aber es ist gut, dass ich auch erfahre, wie das ist: unterzutauchen, das Grab zu spü­ren und das Licht der Welt neu zu erblicken.“ Da nickte Johannes und stimmte zu. Daraufhin ließ sich Jesus von Johannes tau­fen.

Als er wieder auftauchte, strahlte er und sagte zu den Kindern, die zugeschaut hatten: „Ich habe eben, als ich auftauchte, eine Stimme gehört, die sagte zu mir: ‚Du bist mein lieber Sohn, ich hab dich unendlich lieb!’“

Was war das denn für eine Stimme?“, fragte Ruben.

Ich glaube, das war Gottes Stimme. Jetzt weiß ich, dass Gott unser Vater ist, der uns lieb hat“, sagte Jesus. „Ich fühle mich jetzt wie neu geboren, ich könnte die ganze Welt umarmen. Ich habe ein Gefühl, als wenn ich be­rauscht wäre.“

So als ob du Wein getrunken hättest?“, fragte Ruben. – „Ja“, sagte Jesus. „Neulich habe ich geträumt, dass ich Wasser in Wein verwandeln kann. Jetzt weiß ich, dass das stimmt: weil ich die Stimme gehört habe, dass Gott mich lieb hat, hat sich für mich Wasser in Wein verwandelt, al­les sehe ich neu und leben­dig!“13

 

Der Traum ist bei dir in Erfüllung gegangen!“, meinte Ruth. – Jesus nickte.

In diesem Moment kam eine Taube geflogen, ganz dicht an Jesus vorbei.

Diese Taube ist auch ein Zeichen“, sagte Jesus. „So wie bei Noah.“

Du meinst nach der Sintflut“, sagte Johannes, der zuge­hört hatte. „Damals kam eine Taube und zeigte, dass die Sintflut zu Ende ist.“14

Die Taube sagt mir, dass jetzt eine neue Zeit beginnt“, sagte Jesus.

Was für eine neue Zeit denn?“, fragte Ruben.

Die Zeit, in der wir mit Gott reden können, weil er unser Vater ist. Er ist immer bei uns, er hat uns immer lieb – uns alle, die Kleinen und die Großen, auch die­jenigen, die verkehrt leben, so wie wir eben sind. Gott liebt euch noch stärker als Jakobus und Hulda, und die lieben euch ja auch dann, wenn ihr mal etwas Schlimmes gemacht habt! Diese Botschaft werde ich verkündigen. Das wird mein neues Leben sein, das weiß ich jetzt“, sagte Jesus.

Gott hat auch die Kinder lieb?“ fragte Ruth. – Und Ruben meinte: „Dann kön­nen wir uns ja auch taufen lassen.“ – Jesus nickte den Kindern aufmunternd zu. Ruben fuhr fort: „Ich werde jetzt so leben, dass ich sagen kann: das ist ein gutes Leben, das ist ein Leben, wie es Gott für mich will. Bei mir ist das aber genau andersrum als bei dir, Jesus“, sagte er. „Ich will erst mal einen richtigen Beruf lernen, ich will eine Familie haben und Kinder. Ich will richtig erwachsen werden.“

Ich will auch erwachsen werden und Kinder haben“, sag­te Ruth. „Ich glaube, Gott will das bei mir so.“

Gut“, sagte Jesus. „Erwachsen werden – das ist auch wie eine neue Geburt. Dann lasst euch mal taufen!“

Johannes der Täufer zögerte: „Kinder sind eigentlich zu jung, um getauft zu werden. Sie bräuchten dafür einen guten erwachsenen Begleiter, einen Paten, der sie zu Gott hinführt.“

Den haben wir doch“, meinte Ruben. „Dodi Jesus ist doch sowieso schon wie unser Patenonkel. Nicht wahr, dodi Jesus, du erzählst uns doch ganz viel von Gott!“

Jesus nickte zustimmend, und da taufte Johannes auch die beiden Kinder Ruth und Ruben. So wurde Jesus ihr Tauf-Patenonkel.

Nun verabschiedete sich Jesus von Johannes und sagte zu den Kindern: „Ihr seid groß genug, um ohne mich den Weg zurück nach Nazareth zu gehen, ihr kennt den Weg. Ich werde eine Zeit lang in die Wüste gehen, um allein zu sein und nachzudenken.“ – Ruben fragte: „Denkst du, dass du Gott in der Wüste tref­fen wirst?“ – Jesus nickte.

Anmerkungen:

11 vgl. Matth. 3,13-17

12 vgl. Römerbrief 6,3

13 vgl. Joh. 2,1-12

14 vgl. 1.Mose 8,8-12

 

Jesus und die Stimme in der Wüste

Jesus war von Johannes getauft worden. Jetzt war ihm klar: Ich bin Gottes Kind, ich bin Gottes Sohn, Gott ist mein Vater. Und er wusste: Ich werde nicht mehr als Zim­mermann arbeiten, sondern den Leuten diese frohe Bot­schaft sa­gen, ich werde predigen. Aber was genau? Und wie?

Jesus ging in die Wüste15, um allein zu sein und Gott zu begegnen. Er blieb dort lange Zeit, erst nach sechs Wo­chen kam er zurück nach Nazareth. Zu­nächst ging er zu seiner Mutter Maria, um sich satt zu essen, gleich da­nach dann zu seinen Patenkindern.

Wo warst du denn die ganze Zeit, dodi Jesus?“, fragte Ruth. „Wir haben uns schreckliche Sorgen ge­macht, weil du so lange weg warst!“ – „Ich war in der Wüste“, sagte Jesus. „Gleich hinter dem Jordan beginnt die Wüste. Ich habe gedacht: ,In der Wüs­te hat Gott zu Mose gesprochen. Hier hat Gott zu Elia ge­sprochen. Bestimmt wird Gott, mein Vater, auch zu mir sprechen und mir sagen, welchen Auftrag er für mich hat.'

Die Tage vergingen. Ich fastete, ich aß nichts...“. – „Hast du auch nichts ge­trunken?“, unterbrach ihn Ruben. – „Doch“, sagte Jesus. „Jeden Morgen ging ich zum Jordan, um mir Wasser zu holen – ich hatte ja einen Krug dabei. Das Wasser reichte dann für einen Tag. Ich hatte mich daran gewöhnt, nichts zu essen. Trotzdem hat Gott nicht mit mir geredet. Ich wurde schwächer: ich schlief nicht nur in der Nacht, sondern im­mer häufiger am Tag – wenn ich im Schatten eines dürren Dornbuschs lag, um mich vor der Sonne zu schützen.“

Hat Gott zu dir dann aus dem Dornbusch gesprochen so wie bei Mose?“, woll­te Ruben wissen. – „Leider nicht“, fuhr Jesus fort. „Endlich – nach vielen Ta­gen – hörte ich dann doch eine Stimme. ‚Bestimmt ist das Gott, der zu mir spricht’, freute ich mich. ‚Ich bin ge­spannt, welchen Auftrag er für mich hat.’

Jesus, du bist ein Gottessohn’, so sprach die Stimme zu mir, ,ich habe Aufgaben für dich!“.

Du hast am Jordan bei Johannes auch diese Stimme ge­hört, dodi Jesus“, un­terbrach Ruth.

Ja, so ähnlich“, nickte Jesus und erzählte weiter. „Die Stimme sagte dann: ‚Siehst du die vielen Steine hier?’ – ‚Ich sehe sie’, erwiderte ich. ‚Hast du Hun­ger?’, fragte die Stimme. ‚Ja’, sagte ich, ‚ich habe Hunger.’ – ‚So wie du ha­ben viele Menschen Hunger’, sprach die Stimme. ‚Dein Auftrag ist, diese Steine in Brot, also diese Wüste in fruchtbares Ackerland zu ver­wandeln, damit alle Menschen satt werden.’“

Wollte Gott, dass du die Wüste verwandelst?“, fragte Ruth erstaunt. – Jesus sagte: „Ich war auch überrascht: Soll das mein Auf­trag sein? Soll ich doch wieder Hand­werker sein? Soll ich Brunnen bohren, soll ich den Wüs­tenboden bewässern, soll ich die Steine wegschaffen? Ich überlegte: In Is­rael gibt es genug Acker­land für alle, aber das meiste und das beste gehört den Reichen. Und die ganz Armen ha­ben gar kein Land. Got­tes Wort in den heiligen Schriften sagt nicht: ‚Mach aus der Wüste Ackerland’, sondern: ‚Je­der soll sei­nen Acker haben, um ihn zu bearbeiten’.16

Ich überlegte weiter: Die Reichen sollten von ihren vielen Äckern etwas den Ar­men abgeben, so dass die Armen von ihrer Arbeit leben und essen können. Wenn ich neue Äcker schaffen würde, dann gehörten die in kurzer Zeit doch wieder den Reichen, wenn sich hier nichts Grundlegendes ändert. Dann hätte ich nichts für die Armen, sondern nur etwas für die Rei­chen getan, und das im Namen Gottes. Das kam mir selt­sam vor und das wollte ich nicht. Deshalb hab ich weiter nachgedacht: Auch die Reichen sollen doch ihre Nächsten lieben wie sich selbst. Das ist Got­tes Wort, das ist die Gute Nach­richt für die Armen.

Ich will die Wüste nicht verwandeln, sondern stattdessen Gottes Gute Nach­richt verkündigen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern wenn er auf Gott hört.’ Das sagte ich zu der Stimme, und das spürte ich. Den Auftrag – Stei­ne in Brot zu verwandeln – den nahm ich deshalb nicht an.

So, Kinder, es ist spät geworden, ich will mich ein wenig ausruhen, morgen erzähle ich weiter!“

Am nächsten Tag fuhr Jesus fort: „Ich hatte also den ers­ten Auftrag abgelehnt. Kurz danach hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass ich zusammen mit einem Engel durch die Lüfte flog und ganz oben auf der Kuppel des Tempels in Jerusalem landete.

Jesus, du bist Gottes Sohn’, so sprach der Engel zu mir. ‚Schau mal da unten die vielen Leute! Wie willst du die alle mit deinen Predigten erreichen? Es ist viel zu an­strengend, so viele Predigten zu halten. Es ist viel einfa­cher, du fliegst vor ihren Augen durch die Luft. Ich und die anderen Engel, wir werden dich so gut beschützen, dass du dich nicht mal am Fuß verletzen wirst!’“17

Ruth fragte: „Der Engel hat echt gesagt, dass du durch die Luft fliegen sollst?“ – „Ja“, erwiderte Jesus, „im Traum bin ich schon öfter mal durch die Luft geflo­gen, aber in echt ist das etwas anderes. Ich überlegte: Soll so mein Auftrag sein? Eine große Show abziehen? Dann bin ich völlig anders als die anderen Menschen. Dann können die nicht wirklich etwas von mir lernen. Außerdem soll man Gottes Engel nicht auf die Probe stellen, man soll sich nicht unnötig in Ge­fahr bringen. Nein, auch diesen Auftrag nahm ich nicht an!“

Kann man denn Gottes Auftrag ablehnen?“, fragte Ru­ben. „Ja“, sagte Jesus, „es ist nämlich nicht immer Gottes Stimme, die zu uns redet. Das muss man je­des Mal genau prüfen. Das merkte ich jetzt. Deshalb hat Mose am Dorn­busch auch nicht gleich ‚Ja und Amen’ gesagt, als die Stimme zu ihm sprach!“

Jesus machte eine Pause und trank einen Becher Wasser, auch die Kinder tranken etwas. „Und wie ging es weiter?“, fragte Ruben dann.

Jesus fuhr fort: „Danach hatte ich noch einen Traum. Ich träumte wieder, dass ich zusammen mit dem Engel durch die Lüfte flog, und wir landeten diesmal auf einem sehr hohen Berg. Von hier konnte ich die ganze Welt überbli­cken. Ich sah den Reichtum der Königin von Saba, ich sah den herrlichen Palast des Kaisers in Rom, ich sah das gol­dene Königsschloss im indischen Mumbay, ich sah alle Herrlichkeiten dieser Welt.“ – „Das muss ja supertoll gewesen sein!“, meinte Ruth mit glänzenden Au­gen.

Jesus fuhr fort: „Da sprach die Stimme zu mir: ‚Du bist Gottes Sohn. Du musst in einem solchen Palast leben. Ein solches Leben bekommst du von mir, Je­sus, wenn du mich anbetest.’ Ich überlegte. Da fielen mir Worte des Propheten Samuel ein. Der hatte die Frage gestellt: ‚Wo­her stammt denn all der Reich­tum der Könige und Kai­ser? Das Volk muss hungern, damit die Könige in Saus und Braus leben können.’18 Plötzlich wusste ich, wessen Stimme da zu mir sprach und ich sagte: ‚Weg mit dir, Sa­tan, dich werde ich niemals anbeten. Ich will Gott anbe­ten, den Gott, der die Sklaven befreit hat aus Ägypten­land. Der ist mein Vater. Ich will keine anderen Götter ha­ben neben ihm!’“19 – „Das hast du gesagt, dodi Jesus?“, fragte Ruben etwas enttäuscht, „du wolltest keinen Pa­last, keinen Reichtum?“

 

Nein“, sagte Jesus, „ich will anders leben, dann bin ich glücklich: ich will zu­sammen mit den Armen Gottes Kraft und Segen spüren, Gottes große Liebe erfahren und wei­tergeben und so miteinander leben. Das ist Gottes Reich. Es wird mitten unter uns sein. Das werde ich erleben.

Da verließ mich der Teufel. Ich spürte, dass viele gute En­gel bei mir waren, und dann waren sogar Löwen und Wölfe bei mir20, und ich konnte sie streicheln, aber das war wohl ein Traum. Jetzt fühlte ich mich jedenfalls stark und befreit. Nun konnte ich wieder zurück nach Nazareth gehen und ges­tern meine erste Predigt halten. Vorher aß ich aber erst mal was Richtiges bei meiner Mutter Maria.“

Anmerkungen:

15 vgl. Matth. 4,1-11

16 in 1.Könige 21 wird die Geschichte von Nabots Weinberg erzählt; hier wird deutlich, welche Praktiken die Mächtigen gegen die Ar­men an­wendeten, um an deren Land zu kommen

17 Ps. 91,11

18 1.Samuel 8,11-17

19 2.Mose 20,2-3

20 Markus 1,13 Engel und wilde Tiere

 

Jesus erzählt von Isaaks Opferung

 

Zwei Tage später kam ein Fremder nach Nazareth. Er trug eine Uniform, schlug eine große Trommel und rief: „Alle jungen Männer sollen zum Richtplatz kommen. Ich habe eine wichtige Nachricht für sie!“

Ruben war neugierig und ging zum Versammlungsort, wo sich ungefähr 30 andere junge Männer trafen.

Der Fremde sagte: „Ich habe eine wichtige Botschaft für euch: die römische Armee sucht Hilfstruppen – Auxilia – um die aufständischen Terroristen besser bekämpfen zu können. Ihr bekommt einen guten Sold und wenn ihr euch bewährt und tapfer kämpft, könnt ihr römische Staatsbürger werden! Mindestens 16 Jahre alt müsst ihr aber sein!“

Ruben war erst 15, deshalb ging er etwas enttäuscht weg, wollte aber mit seinem Patenonkel darüber reden. Zum Glück kam Jesus schon am nächsten Tag wieder vorbei. Ruben fragte ihn: „Wir sind ja sehr arm, und die Ernte scheint in diesem Jahr auch nicht gut zu werden. Vielleicht sollte ich mich bei den Römern als Soldat ausbilden lassen? Dann könnte ich so viel Sold bekommen, dass wir nicht hungern müssen!“

Jesus antwortete: „Ja, das ist wirklich ein Problem mit der schlechten Ernte! Aber Soldat werden? Weißt du, was da mit dir passiert? Die Ausbildung mit Pfeil und Bogen, das Kämpfen mit dem Schwert oder mit der Lanze, das wirst du gut schaffen, denn du bist körperlich gut durch-trainiert, aber was das Militär mit deinem Geist macht, das ist schlimm!“

Wie meinst du das denn, dodi Jesus?“, fragte Ruben.

Das Wichtigste beim Militär ist Befehl und Gehorsam“, erklärte Jesus. „Das lernst du da. Du darfst keine Befehle in Frage stellen, du musst das machen, was deine Vorgesetzten sagen. Du darfst nicht selber denken außer im Sinne dieser Befehlshaber. Also: wenn die Römer aus Rache ein Dorf abbrennen wollen und dir den Befehl dafür geben, dann musst du das tun. Oder wenn einer deiner Freunde bei den Zeloten kämpft, dann musst du versuchen, ihn zu töten! Beim Militär wird dein Geist verändert und umgepolt – damit du beim Kämpfen grausam und gefühllos wirst und immer gehorchst!“

Jesus machte eine Pause und überlegte. Dann sagte er: „In früheren Zeiten hatte sogar Gott einen solchen schrecklichen Immer-Gehorsam verlangt! Kennst du die Geschichte von Abraham, als Gott ihm befahl, seinen Sohn Isaak zu opfern?“ – „Ja“, erwiderte Ruben. „Die hat uns der Rabbi immer wieder erzählt, er sagte, Abraham wäre ein tolles Vorbild des Glaubens gewesen.“1

Jesus erzählte: „Abraham hatte genau wie ich in der Wüste einen starken Traum, in dem er dieselbe Stimme gehört hat wie ich. Die Stimme sagte zu Abraham: ,Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak! Zieh ins Land Morija und opfere ihn als Brandopfer auf dem Berg, den ich dir zeigen werde!'“2

Ruben erinnerte sich: „Du hast der Stimme nicht gehorcht, dodi Jesus.“

Jesus nickte und erzählte weiter: „Aber Abraham hat versucht, den Befehl 1:1 umzusetzen. Abraham war radikal, er ging bis zum Äußersten, er schwang sogar das Messer gegen seinen eigenen Sohn3. Erst eine neue Stimme, die er in diesem Moment vielleicht in seinem Gewissen spürte und hörte, diese Stimme des Engels von Gott, brachte ihn dazu, die grausame Tat nicht durchzuführen. So war vielleicht die ursprüngliche Geschichte, die dann später mit der Deutung versehen wurde, dass Gott Abraham prüfen wollte, ob er bis zum letzten gehorsam sein würde.

Ruben fragte: „Aber warum steht das dann so in den heiligen Schriften?“ Jesus freute sich über diese Frage und erklärte: „Die jüdischen Priester in Babylon haben diese Geschichte aufgeschrieben. Und diese Priester hatten ein Interesse am Gehorsam. Die Könige und Priester haben immer wieder den Gehorsam betont und damit auch Kriege als Gottes Willen gerechtfertigt. So wurden dann erneut viele Söhne einem grausamen Gott geopfert.

Deshalb ist es sinnvoll, hinter die Geschichte der Bibel zu schauen. In Wirklichkeit waren es vielleicht zwei unterschiedliche starke Stimmen in Abraham. Die eine Stimme war der Gehorsam, der Zwang, das was er zunächst als Gottes Befehl empfand, durchzuführen. Die andere Stimme war die Befreiung vom Gehorsam, die Auflehnung, der Kampf gegen die Grausamkeit, der Sieg der Liebe. Abraham muss wohl vorher diese Stimme ganz leise in sich gespürt haben, denn er hatte ja zu Isaak gesagt: „Gott wird schon für ein Lamm sorgen!“ Damit deutete Abraham an, dass er irgendwie einen Ausweg aus der furchtbaren Situation erwartete. Und Gott sei Dank war Abraham dann dieser Stimme des Engels gehorsam.“

Eine Frage hatte Ruben noch: „Darf man denn überhaupt Soldat werden?“

Jesus überlegte und sagte dann: „Die Soldaten werden zum Töten und Morden trainiert und gedrillt, und durch die Kriege gibt es immer wieder neue Feindschaften und Rachekriege. Deshalb, Ruben, sollte man nicht Soldat werden, außer vielleicht, es gäbe eine Armee, die die Soldaten nicht zu blindem Gehorsam erzieht, sondern zu Menschen, die auch bereit sind, sich mit ihren Feinden zu versöhnen und die nur im äußersten Notfall kämpfen. Aber eine solche Armee kenne ich nicht.“

Anmerkungen:

1vgl. Römerbrief Kap. 4

21.Mose 22,2

31.Mose 22,20